
Kaffeernte in Brasilien – im größten Kaffeeanbauland der Welt
Karneval, Zuckerhut oder Fußball – dies verbindet man mit Brasilien. Aber Brasilien ist viel mehr als das. Das größte Land Südamerikas ist auch der größte Kaffeeproduzent weltweit. Seit einigen Jahren bin ich in der Kaffeebranche tätig und träume davon meinen eigenen Kaffee zu pflücken. Meine zweimonatige Kaffeereise nach Brasilien pünktlich zur Kaffeeerntezeit bringt mich der Erfüllung dieses Traums ein Stück näher.
2 Monate auf der Kaffeefarm Fazenda Pinheirense in Petunia – Minas Gerais

Auf der Fazenda Pinheirense in Petunia, Minas Gerais, tauche ich ein in die brasilianische Kaffeewelt. Petunia ist ein kleines Örtchen mit 500 Einwohner, die Straßen außerhalb des Ortskerns sind nicht asphaltiert, staubig und holprig. Die Kaffeeplantagen reichen bis an den Straßenrand und bestimmen das Landschaftsbild. Minas Gerais gehört zu den vier Bundesstaaten, in denen 98% des brasilianischen Kaffees angebaut werden. Die Anbauhöhen in der Region Petunia bewegen sich zwischen 1.000 und 1.200m.
Die Fazenda Pinheirense hat eine Gesamtgröße von 250ha, ein Großteil der Fläche ist an Viehbauern als Weidefläche verpachtet. Eine eigene Rohkaffeeproduktion gibt es aktuell nicht. Anfang des Jahres wurden in einem Agroforst-Projekt etwa vier Hektar mit jungen Kaffeepflanzen bepflanzt. An diesem Projekt sind mehrere deutsche Röstereien beteiligt, die erste Ernte wird vermutlich in drei Jahren stattfinden – sofern die Wetter- und Umweltbedingungen mitspielen.
Petunia Coffee – Timo Plötz, eine Franke in Brasilien
Innerhalb der Fazenda Pinheirense befindet sich Petunia Coffee. Inhaber Timo Plötz kam vor sechs Jahren von Nürnberg nach Brasilien und kauft von den umliegenden Kaffeefarmen und -bauern Rohkaffee für den Export nach Deutschland. Zu den Kaffeebauern pflegt er ein freundschaftliches und vertrauenswürdiges Verhältnis. Regelmäßig besucht er ihre Farmen, bekommt Samples der neuen Ernte und gibt Feedback zur Qualität des Rohkaffees. Denn in den Export schaffen es nur Specialty Coffees mit 82+ Punkten. Von den klassischen brasilianischen Geschmacksprofilen mit 82 Punkten, bis zu außergewöhnlich fermentierten Microlots mit 88+ Punkten ist für jede Rösterei und jeden Bedarf das Richtige dabei. Die Rohkaffee-Samples der Farmen werden im eigenen Coffeelab sortiert, klassifiziert und anschließend gecupped.
Dafür bin ich hier – den eigenen Kaffee pflücken
Bevor mein Kaffee im Coffeelab probiert wird, muss ich ihn erst noch pflücken. Ich tausche Flip Flops, das Standardschuhwerk der Brasilianer, gegen festes Schuhwerk, Shorts und T-Shirt gegen lange Hose und Oberteil und besorge mir den obligatorischen Hut mit langer Krempe als Sonnenschutz. Zum typischen Ernetzubehör gehören noch ein großer Wasserkanister, denn auch im brasiliansischen Winter ist die Sonne stark und es wird mittags sehr warm. Außerdem dürfen Eimer, Säcke und ein Kaffeesieb nicht fehlen.
Mit dem Jeep fahren wir eine gute halbe Stunde, bis wir in den Kaffeebergen sind. Die restlichen Meter bis zur Plantage legen wir zu Fuß zurück, selbst der Allradwagen kommt hier nicht mehr weiter. Dort angekommen, werden mir von Mateus, Mitinhaber der Farm ‘Sitio Boa Vista Petunia’, gute Stellen zum Pflücken gezeigt. Er selbst erntet mit der Rüttelmaschine. ”Damit schaffe ich etwa 30 Balaios am Tag. Für jedes Balaio bekomme ich 15 bis 20 R$”, sagt Mateu. 600 Brasilianische Reais kann Mateu an einem Tag verdienen, bei einem Durchschnittsmonatseinkommen von 1500 bis 2000R$ ist die Kaffeeernte eine lukrative Beschäftigung für die Bevölkerung. 2000R$ entsprechen 400€.
Mein kleines Nanolot werde ich selektiv mit der Hand pflücken, auch weil für eine Einweisung in die Rüttelmaschine keine Zeit ist. Gepflückt werden nur die reifen Kaffeekirschen der Varietät Yellow Catuai. An den Bäumen hängen allerdings nicht nur reife Kirschen, sondern auch überreife und unreife Kaffeekirschen. Schon beim Pflücken muss ich achtsam sein und nur die guten Kirschen in meinen Eimer fallen lassen. Es ist anstrengend, ich stehe am Hang, rutsche immer wieder ab, die Sonne scheint und ich schwitze. Aber weder Jammern noch Aufgeben kommt in Fragen, denn am Ende wird das ‘mein Kaffee’. In vier Stunden bekomme ich so 25 Kilo Kaffeekirschen zusammen. Gar nicht so schlecht. Die Einheimischen hatten schon Wetten abgegeben, wie schnell der Deutsche wohl aufgeben würde.
Kurz vor Sonnenuntergang beenden auch Mateus und Jonas, der andere Erntehelfer, ihre Arbeit. Ihre Balaios werden in den Anhänger eines Traktors gefüllt – per Hand und mit Muskelkraft werden sie hochgewuchtet. Ich darf die Kaffeekirschen auf dem Anhänger zur Farm ins Tal begleiten und sitze auf einem riesigen Berg Kaffee, als Celio, Mateus’ Vater, losfährt.
Aufbereitung meines Nano-Lots als Natural
Auf der Farm angekommen, wird mein handgepflückter Kaffee direkt weiterverarbeitet. Dafür wird ein großer Behälter mit Wasser gefüllt und die Kaffeekirschen dazu gegeben. Direkt steigen die Floater, überreife und defekte Kaffeekirschen, an die Wasseroberfläche und werden mit einem Sieb abgeschöpft. Jetzt wird kräftig durchgerührt und die Floater erneut abgeschöpft. Dieser Vorgang wird mehrere Male wiederholt, bis alle Floater entfernt werden. Die übrig gebliebenen reifen Kaffeekirschen kommen in einen Grain-Pro-Sack, werden luftdicht verschlossen und als Natural (ohne Zusatz von Hefe) für zwei Wochen fermentiert.
Brasilien hat die maschinelle Produktion perfektioniert
Die Ernte meiner Kaffeekirschen glich im Nachhinein eher meiner romantischen Vorstellung von Kaffeeernte. Mit der Realität hier in Brasilien hat sie nicht viel zu tun. Selektives “hand picking” findet so gut wie gar nicht statt – auch nicht für Kaffees, die nach der Ernte mit 80+ Punkten bewertet werden und sich anschließend Specialty Coffee nennen dürfen.
Es sind Superlative, die Brasilien führend in der maschinellen und industriellen Ernte und Verarbeitung von Kaffee gemacht haben. Die durchschnittliche Plantagengröße beträgt etwa sieben Hektar. Brasilien produziert ca. 60 Millionen Sack Rohkaffee á 60 Kilo im Jahr. Cooxupé, die weltweit größte Kooperative für Kaffee, schlägt davon alleine etwa sechs Millionen Säcke um. Zum Vergleich: Costa Rica produziert 1,5 Millionen Säcke pro Jahr. Dazu kommt, dass Brasilien eine der höchsten Personalkosten für Erntehelfer aller Kaffee produzierenden Länder hat.
So wird in Brasilien hauptsächlich maschinell mit Rüttelmaschinen oder großen Erntemaschinen gearbeitet. Die maschinelle Rüttelmaschine ist im Prinzip ein kleiner Benzinmotor mit einer bis zu zwei Meter langen Stange, an deren Ende sich bis zu 20 Plastikfinger befinden. Die Finger bewegen sich schnell hin und her und rütteln am Kaffeebaum. Alle Kaffeekirschen, reife, überreife und auch unreife fallen auf zuvor ausgelegte Plastikbahnen. Von den Planen werden die Kaffeekirschen in 60 Liter Säcke, die Balaios, gefüllt. Die Rüttelmaschine wiegt zehn Kilo, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang arbeiten die Erntehelfer damit in den Kaffeebergen. Das Geräusch, ähnlich einer Motorsäge, ist in der Erntezeit allgegenwärtig in Petunia, aus allen Ecken hört man die Rüttelmaschinen arbeiten. In zwölf Stunden schafft ein geübter Erntehelfer 30 Balaios zu füllen. Mateus erklärt mir: “Hängen die Bäume voll, bekomme ich 15 – 20 Reais (3 – 4 €) je Balaio, in einem schwachen Erntejahr können es dann bis zu 50 Reais (10€) je Balaio sein.”
Die großen Erntemaschinen ähneln den deutschen Traubenerntemaschinen. Sie fahren über die Kaffeebäume und rütteln mit ihren beiden Walzen, an denen etliche Plastikfinger sind, alle Kaffeekirschen vom Baum. Über ein Fördersystem gelangen die Kaffeekirschen in einen oben angebrachten Auffangbehälter. Ist der Behälter voll, wird dieser über einem Anhänger entleert oder parallel fährt ein Traktor mit Anhänger nebenher. So erntet die Maschine Reihe um Reihe, ähnlich der maschinellen Weinlese. “An einem guten Tag und wenn die Kaffeebäume gut tragen, schaffe ich mit der Erntemaschine ungefähr 600 Balaios am Tag”, sagt Paulo von ‘Tomé Cafés Especiais’.
Der Vollernter fährt über die Kaffeesträucher
Kaffeeernte mit dem Vollernter
Entladen der Kaffeekirschen in einen Anhänger
Nach der Fermentation wird mein Kaffee getrocknet
Zurück zu meinem Kaffee. Nach der Fermentation werden die Kaffeekirschen auf Raised Beds zum Trocknen gelegt und mehrfach am Tag gewendet. In den ersten Stunden kann man praktisch zusehen, wie sich die Farbe ändert und nach kurzer Zeit sind sie nicht mehr gelb sondern goldig braun. Jetzt heißt es: Daumen drücken und dem Wettergott gut zureden, dass es nicht regnet. Auf den Betten trocknen sie nun für ungefähr 30 Tage, bis die gewünschte Restfeuchte von maximal 12 Prozent erreicht ist. Bis dahin bleibt noch Zeit, um zur Fazenda Pinheirense zurückzukehren.
Produktion eines Honey-Kaffees
Da es aktuell noch keine Rohkaffeeproduktion auf der Farm gibt, hat Timo Plötz 10.000 Liter Kaffeekirschen der Varietät Yellow Catuai bei Paulo, einem befreundeten Farmer von ‘Tomé Cafés Especiais’, geordert. Bei Anlieferung quält sich Paulos LKW die steile Dirt Road zur Aufbereitungsstation der Fazenda Pinheirense hoch. Nach einigen Wendemanövern und etlichem rangieren, steht der LKW im Hof der Aufbereitungsstation. Paulo kippt die Ladefläche seines LKWs und vor uns türmt sich nun ein riesiger Berg aus Kaffeekirschen.
Aus den Kirschen wird ein mit Hefe fermentiertes Microlot, das als Honey aufbereitet wird, produziert. Danach legen wir voller Tatendrang los, füllen die Grain-Pro-Säcke mit je 75 Liter Kaffeekirschen, geben die angesetzte Hefe dazu und verschließen die Säcke luftdicht. Zu fünft schaufeln wir per Hand die 10.000 Liter in 125 Säcke – der Muskelkater für den nächsten Tag ist vorprogrammiert. Während der viertägigen Fermentation werden die Säcke einmal täglich gewendet, damit sich die Hefe nicht absetzt und die Kaffeekirschen gleichmäßig fermentieren.
Nach vier Tagen, der Muskelkater schwächt gerade ab, geht es weiter: 125 Säcke laden wir mit Muskelkraft auf den LKW und fahren damit zum Entpulpen zur Washing Station. An der Washing Station werden die Säcke wieder entladen, in den Entpulper gefüllt, vom Fruchtfleisch entfernt und kommen danach über ein Silo in Big Bags. Nach dem Entpulpen geht es zurück zur Aufbereitungsstation. Dort verteilen wir die Bohnen gleichmäßig auf die über 100 Raised Beds. Das Verteilen ist eine richtige Schweinerei, die Bohnen sind extrem klebrig und schmierig durch die Mucilage. Meine Handschuhe sind durchnässt, Hose, Pullover und Schuhe klebrig und nass und der Hefegeruch wird mir vermutlich tagelang nicht aus der Nase gehen. Ob die Klamotten wieder sauber werden, wage ich zu bezweifeln.
Wir reisen weiter – unser Kaffee bleibt vorerst in Brasilien
Die Bohnen müssen nun genauso trocknen – wie mein kleines Nanolot. Auch sie werden regelmäßig gewendet, so dass sie gleichmäßig trocknen. Nach der Trocknung werden die Bohnen geschält, klassifiziert, sortiert und sind anschließend bereit für den Export.
Ähnlich ergeht es auch meinen Bohnen nach dem Trocknen – nur dass sie nicht exportiert werden, sondern zu meinem eigenen Kaffee verarbeitet werden. Ich schäle die getrockneten Bohnen, klassifiziere sie nach 16+ Größe und sortiere Defekte aus. Am Ende bleiben von meinen ca. 50 Kilo gepflückten Kirschen ca. 7 Kilo Rohkaffee übrig. Klingt wenig? Ist aber durch mein selektives Handpicking eine sehr gute Ausbeute. Würde man den maschinell geernteten Kaffee genauso sortieren, hätte man wesentlich mehr Ausschuss. Die ersten Proberöstungen meines Kaffees sind vielversprechend. Er schmeckt nach Nougat, Schokolade und hat die Süße von Zuckerrohr. Der Rohkaffee macht sich nun auf den Weg nach Deutschland, wird aber erst im nächsten Jahr von mir geröstet. Denn für mich geht die Reise entlang des Kaffeegürtels noch weiter und das nächste Kaffeeland wartet bereits auf mich.